Kunst und Fisch und kurze Wege

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Wie die Newcomer-Agentur des Jahres 2015, ORANGE COUNCIL, über 9.000 Kilometer Distanz Kommunikation organisiert und dabei bereit ist, ungewöhnliche Wege zu gehen. EIN BEITRAG VON PETER HEINLEIN

Newcomer-Agentur des Jahres 2015

ORANGE COUNCIL GMBH, HAMBURG
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Foto: Jan Schultchen

In der zur südlichen Altstadt von Köln zählenden Sternengasse lebte vor Hunderten Jahren Prominenz wie der Maler Peter Paul Rubens oder Maria de‘ Medici, einst Königin von Frankreich. Heute dominieren das Fernmeldehochhaus der Telekom und Verwaltungsbauten das Bild. Dass es sich darin wider Erwarten dennoch gut arbeiten und sogar die Zukunft gestalten lässt, dafür ist zu großem Teil ORANGE COUNCIL verantwortlich, eine neue Agentur besonderen Zuschnitts, die von der DAS JAHR DER WERBUNG Jury zur Newcomer-Agentur des Jahres 2015 ernannt wurde. ORANGE COUNCIL, das sind die Diplom-Designer Michael Barche und Andreas Geyer sowie der Texter Ulrich Zünkeler. Ihm, respektive einem Kontakt seines Bruders, ist der erste große und wegweisende Auftrag der Agentur zu verdanken.

Eine ungewöhnliche Aufgabe

Der Kunstaktivist Dr. Bernhard Zünkeler erfuhr bei einem Besuch in der Unternehmenszentrale der Hightech-Beratungsgesellschaft DETECON, dass die Mitarbeiter überhaupt keine Lust dazu hatten, ihren Arbeitsplatz aus dem grünen Bonner Randbezirk Ramersdorf in einen 40 Autominuten entfernten unattraktiven Zweckbau nach Köln zu verlegen. Das hatte der Mutterkonzern Telekom verfügt. Da Zünkeler schon regelmäßig mit Ausstellungen in der Firmenzentrale Businessthemen mit Kunst kombiniert hatte, ahnte er, dass die DETECON-Leitung für Ungewöhnliches offen sein könnte. Und in der unternehmensinternen Diskussion um die Arbeitsplätze sah sein Bruder Ulrich, der Werber, schnell eine treffliche Aufgabe für das frisch gegründete ORANGE COUNCIL, einen Kommunikationsdienstleister neuen Typs: Wie transformiert man einen ungeliebten Umzug oder sich verändernde Arbeitswelten in ein positives Aufbruchsignal? Und wie können dabei eventuell mit den Mitteln der bildenden Kunst Arbeitswelten völlig neu definiert werden?

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Rauminstallation der Künstlerin Amely Spötzl

Die vorgeschlagene Lösung, mit der Energie von Kunst, die neben ihrer ästhetischen Wirkungsebene die Kraft besitzt, Menschen in Bezug auf ihre geistige Beweglichkeit positiv zu beeinflussen, gemeinsam einen „Future Work Place“ zu gestalten, überzeugte. ORANGE COUNCIL bekam den Auftrag.

Zusammen mit E105 Art Operator, dem Unternehmen, das der Galerist Dr. Bernhard Zünkeler mit dem Fotografen Bernd Zöllner betreibt, wurden 15 junge Künstler aus Deutschland, Japan, vom afrikanischen Kontinent und aus den USA organisiert. Sie sollten bei der Neugestaltung der DETECON Zentrale die funktional eingerichteten Arbeitsplätze durch irritierende Installationen oder Bilder in Fluren, Teeküchen, Konferenzräumen disruptiv ergänzen und dabei alle im täglichen DETECON Geschäft wichtige Begriffe wie Weltoffenheit, Innovation, Neues Denken, Transformation und Vernetzung reflektieren. Der mit frischem Wind neu und so ganz anders gestaltete Firmensitz überzeugte Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen.

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Kunst am Arbeitsplatz

Kunst einzusetzen, als Beleg für die besondere Identität und innovative Kraft eines Beratungsunternehmens, ist eine besondere Art der Kommunikation. Der Art Directors Club zeigte sich begeistert, der German Design Award adelte die Arbeit. Es schlossen sich Folgeaufträge für DETECON an, wie die Gestaltung einer neuen Bildwelt für das Unternehmen und die Entwicklung einer Recruiting-Kampagne. Und auch der Mutterkonzern holte ORANGE COUNCIL, um in der Bonner Telekomzentrale gestalterisch neue Wege zu gehen.

Das war ein gelungener erster großer Aufschlag für die neue Agentur, mit dem die drei Newcomer – gestandene Werber um die 50 mit zusammen über 60 Lebensjahren Kommunikationserfahrung – sich sogleich auch für ungewöhnliche Aufgaben qualifizierten.

Es kommt zusammen, was zusammen gehört

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Man versteht sich (Foto: Jan Schultchen)

Barche, Geyer und Zünkeler, alle drei mit etlichen Kreativauszeichnungen im Gepäck, kennen sich seit gemeinsamen Zeiten bei der Hamburger Werbeagentur KNSK. Für Geyer und Zünkeler hatten sich zunächst gemeinsame Stationen bei Jung von Matt, Springer & Jacoby und Kolle Rebbe angeschlossen, bevor Geyer nach einem Zwischenschritt als Partner bei Red Rabitt mit eigener Agentur in Hongkong landete und Zünkeler sich als freier Texter in Berlin ansiedelte. Auch Barche gründete mit der KNSK-Strategin Heike Gudella eine eigene Agentur.

Frühere Arbeiten von Michael Barche für Lucky Strike, BOSS GREEN, BEEF! und Wagner

Arbeiten von Michael Barche für Lucky Strike, BOSS GREEN, BEEF! und Wagner

Doch irgendetwas fehlte. Jedenfalls fühlte es sich für die drei Alt-KNSKler nicht so ganz richtig an. Sicher, man machte Werbung für dies und das, und die Kunden waren keinesfalls kleine Fische, auch mit dem Einkommen konnte man gut auskommen, aber …

Da die drei immer mal wieder gemeinsam für Kunden tätig wurden oder sich bei Aufträgen unterstützten, gab es stets einen kurzen Draht zueinander. Kurze Telefonate, lange Gespräche und manches gemeinsame Bier schufen Klarheit: Nach so vielen Jahren in der Werbung würde es nun doch bald Zeit, die Erfahrungen aus dem Werberleben mal mit etwas Eigenem auf den Prüfstand zu stellen. Erstaunlich, wie schnell so ein Grundgedanke zünden kann. Unverhofft war aus den Gesprächen ein Dreierrat geworden, ein Council. Und damit war auch schon der Name gefunden. Einen Rat wollten sie bilden, ihre geballte Expertise Kunden anbieten und für die Realisierung von Aufträgen ihre Netzwerke zusammenlegen.

Zünkeler arbeitete unter anderem für Weihenstephan, SPIEGEL Online, Gothaer oder Gauloises

Zünkeler arbeitete für Weihenstephan, SPIEGEL Online, Gothaer oder Gauloises

Auch eine Farbe war schnell gefunden: orange – sympathisch, warm, energetisch, für Lebensfreude stehend und Gegenpol zu grauer Theorie. Die Präambel der Selbstdarstellung steht für sich: ORANGE COUNCIL will nichts weniger sein als das Agenturmodell der Zukunft, das keine teuren Glaspaläste braucht und sich nicht auf Werbung beschränken lässt.

Andreas Geyer konzipierte erfolgreich Kampagnen für T-Mobile, SPD, MYBACH oder Schweppes

Andreas Geyer konzipierte Kampagnen für T-Mobile, SPD, MYBACH oder Schweppes

Statt in Glaspalästen residiert das Agenturnetzwerk down to earth: In Berlin, Prenzlauer Allee, gegenüber dem S-Bahnhof im Haus mit Frisör und Schneiderei. In Hamburg-Winterhude in einem Bürohaus auf der Dorotheenstraße mit einem Steakhouse ums Eck. Und in Hongkong unterhalb des Victoria Peak und 300 Meter von der Fähre nach Macao entfernt, inmitten von Geschäften für den Großhandel mit getrockneten Lebensmitteln, Meeresfrüchten und Fisch.

Den Fisch freut’s, den Kunden auch

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Ein Fisch wird berühmt

Die Produkte des ersten Werbekunden der Ratsherren werden dort wahrscheinlich auch gehandelt, ist doch China einer der größten Importeure von Fisch aus Norwegen. Denn die norwegische Fischindustrie ist es, die es auch ORANGE COUNCIL verdankt, dass zum Beispiel der Winterkabeljau, Skrei genannt, auf Deutschlands Tellern so populär wurde, dass die dazu führende Kampagne dem Gesamtverband der deutschen Werbung einen Effizienzpreis in Bronze wert war. Schließlich wurde die Bekanntheit des Fisches um 42% gesteigert, und der Absatz im deutschen Handel hat sich nach dem Launch mehr als verdoppelt. Weitere Arbeiten dienten dazu, die Fjordforelle und den norwegischen Lachs zu promoten.

Dies war nicht nur „ganz einfach Werbung“, sondern mit dem entsprechenden Anteil wie Storytelling für PR-Aktionen oder Wettbewerben für Köche ausgezeichnete Produkt- und Markenarbeit. Kristin Pettersen, verantwortlich für das Norge-Marketing in Deutschland, hat sich ganz bewusst für die Arbeit mit ORANGE COUNCIL entschieden:

Wir wollten eine andere Art von Agentur. Leichtfüßig und flexibel sollte sie sein und nicht so beraterlastig.

Nach ein paar kurzen Monaten des Ausprobierens gab es dann auch einen Agenturvertrag. Pettersen:

ORANGE COUNCIL liefert mir auf meine Briefings schnelle, kreative Lösungen ohne unnötige Strategie, und wenn ich strategische Fragen habe, bekomme ich kreative Strategien.

Und auch dafür steht ORANGE COUNCIL: Dem Deutschen Zigarettenverband (DZV) half die Agentur bei einer Offensive gegen die befürchteten Auswirkungen die EU-Tabakproduktrichtlinie und orchestrierte einen Auftritt gegen Überreglementierung und für Selbstbestimmung. Die Küchengeräte des Elektronik­konzerns Philips stellt ORANGE COUNCIL in eigens entwickelten Presenter-Spots und mit der dazugehörigen Online­kommunikation vor. Und für den Norddeutschen Rundfunk entstehen zusammen mit dem Regisseur Detlev Buck Promofilme, die auf echt nordische Art zum Schmunzeln bringen.

Telefon sei Dank

Und wie entsteht nun so eine Kampagne zwischen Berlin, Hamburg, Hongkong und Edgar Walthert in Holland, dem Schweizer ORANGE COUNCIL-Experten für Typografie und Corporate Identity? (Der arbeitet übrigens auf einer schwimmenden Plattform im Hafen von Amsterdam.) Ganz einfach, findet Michael Barche. Es gebe ja das Telefon. Natürlich meint er nicht den alten Kasten mit der Drehscheibe, sondern das, was Telekom-Unternehmen unter dem Namen Voice over IP anbieten, also internetbasierte Kommunikation. Das hat unter anderem den Vorteil, dass deutsche Kunden über eine Hamburger Telefonnummer direkt mit Hongkong verbunden werden.

Die Ratsherren telefonieren täglich – oft mehrfach. Das ersetzt zum großen Teil das „Gequatsche auf dem Flur“, das, altgedienten Werbegrößen zufolge, nach wie vor für die besten Ideen verantwortlich sein soll.

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Das Beste am Norden

Sieben Stunden Zeitunterschied zwischen Mitteleuropa und China sorgen dafür, dass Kunden quasi rund um die Uhr bedient werden können. Wenn sich die Europäer um 10 Uhr zur Telko einwählen, hat Andreas Geyer in Hongkong um 17 Uhr schon fast einen ganzen Tag an der zur Besprechung stehenden Aufgabe gewerkelt. Die sich daran anschließende Weiterbearbeitung durch die Kollegen in Europa hat Geyer mit dem Endstand ein Uhr morgens zum Frühstück um sieben auf dem Bildschirm.

Das könnte nun auch ein wildes Hin und Her werden; aber die Praxis zeigt, a) dass die Beteiligten eine gemeinsame Auffassung davon haben, was wie gemacht werden müsste, und b) dass das zuvor erarbeitete Briefing auch dann keine Abwege provoziert, wenn außer den Ratsherren eine Menge projektweise rekrutierter Experten aus aller Welt involviert sind. Denn auch das macht den Mehrwert von ORANGE COUNCIL aus: Kein großer Overhead, keine Redundanzen, sondern für jede Aufgabe immer das maßgeschneiderte Team.

So dauerte beispielsweise die Entwicklung und Abstimmung der 52-seitigen Agenturpräsentation bis zur fertigen Druckvorlage gerade einmal drei Tage.

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Foto: Jan Schultchen

Zukunftsmusik

Peter Figge, Partner und Vorstand bei Deutschlands Ausnahmeagentur Jung von Matt,  kennt die Ratsherren seit Jahren. „Seit über zwei Jahrzehnten, um genau zu sein“, korrigiert er. „Damals haben wir bei KNSK für die Weltausstellung gearbeitet“, erinnert sich Figge.

Die Expo war zu großem Grade Zukunft, und da war schon klar, dass diese drei offen und neugierig waren auf alles, was sich Kommunikation nennen könnte. Und das sind sie geblieben

sagt er. In dem Agenturmodell von ORANGE COUNCIL sieht Figge jetzt nicht unbedingt gewaltige Innovation, das gebe es sicher schon in mehreren Ausfertigungen. „Entscheidend aber ist, was die Gründer von ORANGE COUNCIL auch in dieser Hinsicht auszeichnet: die unbedingte Konsistenz des Modells, die klare Verabredung, gemeinsame Überzeugungen zu leben.“ Auch diesbezüglich sieht Figge die Ratsherren auf einem mehr als guten Weg.

Winners' Dinner 2016

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