Die Werbewelt gehört denen, die neu denken

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Newcomer-Agentur des Jahres 2012

OLIVER VOSS GmbH, Hamburg

Imposante 190 Zentimeter groß und standhaft mit um die 90 Kilogramm, ein offen prüfender Blick aus vertrauen erweckenden braunen, sanften Augen; eine Stimme, die zum Zuhören verführt; ein vier oder fünf Tage alter Bart; langes, lockiges Haar, lässige Kleidung: Hose, Shirt, Schal, Zwiebellook-Pullis, Lederjacke. Das ist Oliver Voss. Relaxed, aufmerksam, cool, selbst bewusst.

So erleben ihn auch seine Kunden, wenn er Ideen präsentiert. Dann trägt er auch mal Anzug. Und natürlich die beiden Accessoires: Auf die schwere IWC-Uhr („Von einem Kunden, für den ich sehr gern gearbeitet habe.“) kann er eventuell verzichten, nicht aber auf das dicke Meisterstück, den Füllfederhalter von Montblanc mit der 18 Karat Goldfeder, der, jederzeit griffbereit, an der Halsöffnung des T-Shirts festgesteckt ist. Darin steckt sein Geheimnis. Seine Gedanken fließen in und durch dieses Schreibgerät, gewinnen dadurch erst ihre kreative Kraft. Er denkt, wenn er schreibt, und schreibt, wenn er denkt.

LANGE LEHRJAHRE UND ER IST DRAN GEBLIEBEN 

Oliver Voss ist Werber, und das seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Es waren lange Lehrjahre, wie er sagt, die 1986 nach abgebrochenem Jurastudium als Lokaljournalist in Köln begannen. Allerdings wenig vielversprechend.

„Ich bin zweimal gefeuert worden“, erinnert sich der 46-Jährige belustigt.

„Ich bin zweimal gefeuert worden“, erinnert sich der 46-Jährige belustigt. Doch er ist dran geblieben. Er hat Anzeigen in Aktenordnern gesammelt und analysiert, geradezu verschlungen. Er hat Werbung, das Machen von Werbung, studiert, in sich aufgesogen. Er hat, und tut es bis heute, Werbung in jeder Form und Farbe konsumiert, und er ist, wie nur wenige Kollegen aus der Branche, sogar ins Ausland gegangen, um noch mehr zu lernen. „Lehrjahre, eigentlich bis heute“, sagt er und meint das nicht etwa in aufgesetzter Bescheidenheit. Dabei ist er längst selbst Meister, hat ungezählte Kreativpreise gewonnen und mit etlichen Arbeiten Werbe-geschichte geschrieben. Von ihm Erdachtes hat sich über die Werbung hinaus sogar im deutschen Sprachschatz etabliert. Man denke an „3…2…1… meins!“, jahrelang der Claim des Online-Auktionshauses ebay, oder an „Du bist Deutschland“, die Social-Marketing-Kampagne, die nach einer Idee des Bertelsmann-Vorsitzen.den Günther Thielen im Vorfeld der Austragung der Fußball-WM in Deutschland zur „Initialzündung einer Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland“ wurde.

Wenn Voss von Lehrjahren spricht, dann wird Respekt hörbar, Achtung vor allen Beispielen wirklich gelungener Kommunikation, vor Ideen, die Menschen wirklich erreichen, tief drinnen, im Bauch. Denn das ist es, worum es für ihn bei Werbung geht. Und vielleicht ist es vor allem das, was ihn von anderen, die in der Werbung arbeiten, unterscheidet.

Ja, Meister ist er jetzt schon ein paar Jahre, galt lange als Vorzeigewerber der besten deutschen Agentur. Doch dann stieg er aus, wollte etwas anderes machen – was, das stand damals noch gar nicht fest. Er kam zurück. Gründete still vor drei Jahren seine eigene Agentur und ist jetzt, zum dritten Geburtstag des Unternehmens, erfolgreich aus eigener, unbändiger Kraft. Platz 20 im Kreativranking deutscher Agenturen des Manager Magazins und Platz sechs beim ADC Festival 2012 sprechen eine deutliche Sprache.

„Newcomer des Jahres“, befand deshalb die Jury vom Jahr der Werbung und blieb nicht allein mit ihrer Wertschätzung. Auch der deutsche Art Directors Club kürte die Oliver Voss GmbH zur Rookie(Frischling) Agentur des Jahres. Klingt komisch, nicht wahr? Newcomer, Frischling? Nach so vielen Jahren in der Werbung!

FÜR DEN SPASS AN DER ARBEIT 

Aber es ist sein Anspruch. Und er lebt ihn. „Neu sein“ heißt für Oliver Voss Werbung auf eine neue Art zu machen, auf seine Art – und Spaß daran zu haben. „Nur wenn Spaß dabei ist, wird es richtig gut“, hat Alex Bogusky mal gesagt, der legendäre Kreativ-Kopf der Kultagentur Crispin Porter + Bogusky, mit dem Voss mehr verbindet als der Kunde MINI. Bogusky launchte das Auto in den USA, Voss im Rest der Welt.

Und für den Spaß an der Arbeit wurde am 10. Februar 2010 die Oliver Voss GmbH gegründet. Eingetragen im Hamburger Handelsregister unter der Nummer HRB 112660. Als Gegenstand der Geschäftstätigkeit ist beschrieben: das Betreiben einer Werbeagentur sowie Publikationen aller Art im Bereich Journalismus, Kommunikations- und Medienarbeit, Produktion von Fotos/Filmen/Videos/Dokumentationen und Musik sowie Beratung auf dem Gebiet Kultur, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Unterhaltung sowie alle damit im Zusammenhang stehenden Tätigkeiten. Damit lässt sich Voss alle Türen offen und ist wieder da, er mischt wieder mit in Sachen Werbung.

Mitverantwortlich dafür ist sein Vater, ein Buchhändler. Im Elternhaus in Köln, geprägt von der Harmonie stiftenden Mutter und dem beharrlichen Vater war dem Einzelkind Oliver die Liebe zur Sprache nahegebracht worden. Bis heute interessieren Voss Geschichten, interessiert ihn, was Sprache vermag, wie sie trifft, provoziert, emotionalisiert oder vermittelt.

„Ob ich sein Mentor war, muss Oliver beantworten. Zumindest habe ich ihn eine lange, wichtige Strecke seiner Laufbahn begleitet und er mich.“ (Jean-Remy von Matt)

Selbst bei den schlichten Anfängen in den Agenturen in Köln, wo Werbung gemacht wurde für Siemens, eine Kölsch-Brauerei, den Stadt-Anzeiger sowie ein „famoses Zartgemüse aus der Dose“, erlebte Voss prägende Begegnungen mit Werbern wie Dieter Rahmel oder Robert Pütz, die er noch heute zu seinen Mentoren zählt. Das Glück, auf wegweisende Begleiter zu stoßen, brauche man im Leben, davon ist Voss überzeugt. Er zählt auch und vor allem den Ausnahmewerber Jean-Remy von Matt dazu. Der ist bescheiden: „Ob ich sein Mentor war, muss Oliver beantworten. Zumindest habe ich ihn eine lange, wichtige Strecke seiner Laufbahn begleitet und er mich.“

Für manch anderen wäre wohl nach den wenig ermutigenden Erfahrungen in Köln Endstation gewesen, doch Oliver Voss wollte mehr. Was lag da näher, als nach New York zu gehen, ins Mekka der Werbung, an die legendäre Madison Avenue. Dort hatte Donny Deutsch, der spätere „Mr. TV Spot“ der amerikanischen Werbeszene gerade die Agentur seines Vaters übernommen und schickte sich 1992 an, dem Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton beim Wahlkampf zu helfen.

WERBUNG FÜR DEN MÄCHTIGSTEN MANN DER WELT 

Was für ein gigantischer Sprung im Leben des nun gerade einmal 25 Jahre alten Oliver Voss, von ein bisschen Reklame rund um Kölner Kirchtürme zur Werbung für den später mächtigsten Mann der Welt. Ganz zu schweigen vom Wechsel aus der Nachbarschaft der allenfalls zu Karneval in Wallung geratenden Kölner Bevölkerung in das niemals schlafende, immer quirlige Manhattan. Doch alles, was danach kam, dürfte noch größere Auswirkungen gehabt haben. Denn 1994 ging es zu Jung von Matt, einer ganz jungen, aufstrebenden Agentur in Hamburg. 20 Kollegen auf 120 Quadratmetern. Arbeit für die Kunden BILD und Sixt, und das rund um die Uhr. Der Juniortexter Voss machte alles, was anlag. Und gewann Einsichten, wie sich Jean-Remy von Matt erinnert: „Als junger Texter bekam Oliver eines Tages ein Souterrain-Zimmer und war sehr enttäuscht darüber. Er meinte, es sei uninspirierend, von unten auf die Straße zu schauen. Um ihn vom Gegenteil zu überzeugen, ließen wir ein Straßenmädchen vom nahen Kiez eine halbe Stunde lang im superknappen Mini vor seinem Fenster hin und her spazieren.“

Nach zwei Jahren zog es Voss nach Amsterdam. Dort wurde er engagiert vom Europa-Ableger der kreativen US-amerikanischen Kultagentur Wieden + Kennedy. Sie war gerade erst eröffnet worden, weil die Agentur ihrem wichtigen Kunden Nike gefolgt war, der seine Sportartikel von Amsterdam aus in Europa vertreiben wollte. Nun machte Voss also Werbung für Nike, einen Kunden, für den er heute noch arbeitet.

NEW YORK, AMSTERDAM, HAMBURG

Doch er wollte wieder zurück nach Deutschland, wollte sich wieder in seiner Muttersprache ausdrücken. Die beiden Karrierestationen New York und Amsterdam gaben seinem Curriculum eine beneidenswerte Einzigartigkeit, denn Voss stach damit absolut aus der Masse der deutschen Werber hervor. Bis heute gibt es nur Wenige im deutschen Werbezirkus, die internationale Erfahrung mitbringen und mehr drauf haben als braves Schulenglisch. So landete Voss erneut bei der Vorzeigeagentur Jung von Matt. Anderes kam nicht infrage, denn die Agentur gehörte inzwischen zu den Top drei der kreativsten Werbeunternehmen Deutschlands und ist heute noch die Nummer eins. Und hier waren die beiden Männer, denen er nach eigenem Urteil am meisten verdankt: die Gründer Holger Jung und Jean-Remy von Matt. Zwölf Jahre sollte er bleiben.

„Ich habe mich in dieser Zeit als Kreativer erschaffen“, resümiert er heute und ist dankbar für die vielen Möglichkeiten, die ihm die Agenturgründer geboten haben. Nicht zuletzt hat Voss in dieser Zeit Werbegeschichte geschrieben.

AUF DEM WEG AN DIE SPITZE 

Schnell hatte sich Voss damals in der Agentur profiliert, 1998 wurde er geschäftsführender Gesellschafter und kreativer Kopf der Agenturfiliale in München, JvM/Isar. Die Arbeit für den Kunden WELT am SONNTAG war für Oliver Voss der Start in die Selbstständigkeit. In diese Zeit fielen zahlreiche Sixt-Anzeigen mit Anleihen an die Tagespolitik. 1999 führte Voss erstmals selbst Regie bei einem TV-Spot für den Kunden Apollo Optik. Die Low-Budget-Produktion ohne Externe, mit geliehenem Equipment und Darstellern, die unter Mitarbeitern und Angehörigen rekrutiert wurden, brachte der Münchner Agentur den ersten Effie ein, da sie für Absatzsteigerungen bis zu 35 Prozent sorgte.

Voss

In München lernte Voss auch den Journalisten Ulf Poschardt kennen, der damals Chefredakteur des kultigen Magazins der Süddeutschen Zeitung war. Für Poschardt ist Voss eine Ausnahmeerscheinung. „Ich kenne niemanden, der Intellektualität und Bauchgefühl so auf den Punkt zusammenbringen kann wie Oliver“, sagt er.

„Ich kenne niemanden, der Intellektualität und Bauchgefühl so auf den Punkt zusammenbringen kann wie Oliver.“ (Ulf Poschardt)

Und noch eine Münchner Bekanntschaft sollte Voss künftig auf seinem Lebensweg eng begleiten: Niklas Frings-Rupp, damals Etat-Direktor bei der Agentur Springer & Jacoby. Gemeinsam gründeten die beiden drei Jahre später in Hamburg den Europa-Ableger der berühmten Werberschmiede Miami Ad School. Denn der Ausflug an die Isar war für Voss im Jahr 2001 schon Geschichte. Die Agentur holte ihn zurück nach Hamburg, weil er die großen Marken von dort aus besser betreuen konnte, als aus dem kleinen Münchner Büro heraus, wie er sich erinnert. Er übernahm die kreative Geschäftsführung von JvM/Alster und wurde Partner. Die Alster war die Keimzelle der Agentur, die bis dahin von den Gründern selbst geleitet worden war. Die beiden kümmerten sich künftig verstärkt um die Geschicke der Gesamtagentur. Und Voss verantwortete für 23 Länder die Launchkampagne „Is it love?“ für den MINI. Es war das erste Mal, dass einer deutschen Agentur so ein internationaler Aufschlag für eine Automarke gelang.

KREATIVE SPIELWIESE

Voss hatte mittlerweile mit olivervoss.com seine eigene Website, die er jährlich erneuerte und die heute als Internetpräsenz seiner eigenen Agentur fungiert. Damals war sie gedacht als kreative Spielwiese – für Kurz- und Doku-Filme über Highlights der Branche und ihre kreativen Persönlichkeiten.

Voss war nun richtig angekommen in der deutschen Werbeszene. Er war aufgenommen worden in den Eliteverein der deutschen Kreativen, in den Art Directors Club Deutschland. Er war Jury-Mitglied bei Kreativwettbewerben und außerdem organisierte er für Pippa und Ron Seichrist, die beiden Gründer der Miami Ad School in Amerika, den Praktikantenaustausch, brachte deren Schüler in deutschen Agenturen unter.

Mit der Agentur JvM/Alster feierte Voss Erfolge in Serie. Nach der MINI-Kampagne war es der schon erwähnte ebay-Erfolg, Arbeiten für die Sparkassen oder für BMW, für die BILD-Zeitung, für Sixt, den Reisekonzern TUI, den TV-Sender DMAX, die Uhrenmarke IWC und ungezählte weitere. Jean-Remy von Matt schätzt Voss sehr. „Er hat nicht nur selber sehr gute Ideen, sondern kann auch Bälle aufnehmen und verwandeln, die man ihm zuspielt.“

Zudem hat Voss noch die Zeit gefunden im Jahr 2003 zusammen mit Niklas Frings-Rupp die Miami Ad School in Hamburg zu gründen. Ein mit Jean-Remy von Matt vereinbarter Doppeljob, dem sich Voss vor allem in der Eigenschaft des Schulpräsidenten und „Außenministers“ widmete. „Er hat die Übersicht, ist wie ein Hubschrauber und der beste Teamplayer, den ich kenne, und er bewahrt im größten Chaos die größte Ruhe“, sagt Niklas Frings-Rupp, der sich als Managing Director vorwiegend um die internen Belange der Schule kümmert, die sich mit großem Erfolg etablierte und bald schon einen Ableger in Berlin bekam.

„UNTER IHM ENTSTANDEN EINIGE UNSERER ERFOLGREICHSTEN KAMPAGNEN“

Eine Hoch-Zeit für Voss. Die große Kampagne „Du bist Deutschland“, mit dem von ihm gefundenen Motto brachte ihn nun nicht mehr nur auf die Seiten der Branchen-Zeitschriften, sondern auch vieler Publikumsmedien. Voss und die Werbung, die er machte, waren nationales Gespräch. „Unter ihm entstanden einige unserer erfolgreichsten Kampagnen“, erinnert sich Jean-Remy von Matt. Voss gewann mit seinem Team bei Jung von Matt 10 Effies, 4 davon in Gold. Das schätzen die Auftraggeber an ihm: Er weiß, wie man Kreativität in unternehmerischen Erfolg verwandelt.

Voss war mittlerweile auch Jury-Mitglied bei den großen Festivals der Welt, drehte für seine Website Filme, in denen er internationale Kollegen zu Wort kommen ließ. Im Jahre 2007 wurde Oliver Voss in den Vorstand bei Jung von Matt berufen – zuständig für das kreative Produkt des ganzen Networks. Die Agentur stand damals auf Platz 4 im Kreativranking, nach einem Jahr mit Voss im Vorstand war JvM zurück auf Platz 1.

Das Rad, das Voss drehte, wurde immer größer, immer schneller. Mit bewusster Entschleunigung begegnete er den Anforderungen seiner 70 Stunden-Wochen, indem er die täglichen Wege von zuhause in die Agentur und zurück lief, er verordnete sich Auszeiten fürs Handy und verweigerte sich dem oberflächlichen Konsum – gerade auch dem Fernsehen. Er zog sich stundenlang zurück und sah Filme und amerikanische Serien und las nur das Beste – weil „das ja alles irgendwann wieder rauskommt“. Jean-Remy von Matt: „Die Schwäche für Literatur und Film ist die einzige mir bekannte Schwäche von Oliver“.

„Er ist ein Vorbild für viele kreative Talente und hat unsere Kultur stark mitgeprägt. Er ist einer der Top-Kreativen in unserem Land – und was er anpackt, wird ein Erfolg.“ (Jean-Remy von Matt)

Und dann stieg Voss aus. Jean-Remy von Matt hat das lebhaft bedauert: „Er ist ein Vorbild für viele kreative Talente und hat unsere Kultur stark mitgeprägt. Er ist einer der Top-Kreativen in unserem Land – und was er anpackt, wird ein Erfolg.“ War Voss jetzt durch mit dem Thema Werbung? Der begeisterte Cineast konnte sich vorstellen, nach einer Pause Filme zu drehen, vielleicht nur noch für seine Miami Ad School, vielleicht weltweit tätig zu sein. Andererseits meldeten sich andere Agenturen, warfen Lassos nach ihm aus. Doch erst einmal war ein Sabbatical angesagt. Reisen, abhängen, sich sortieren.

DAS ERGEBNIS, DAS IN DER AUSZEIT REIFTE

Ein Jahr Auszeit gönnte sich Voss. Und mit der Zeit kamen die Fragen – und dann die Ideen. Was ist mit den Erfahrungen, den Fähigkeiten, die man erworben hat in einem Vierteljahrhundert Beruf? Was ist mit all der Kraft, die es gekostet hat, ein international renommierter Kreativer zu werden? Ist es nicht spannend und erfüllend, den Schülern der Miami Ad School dabei zu helfen, ihren Weg zu finden? Was spricht dagegen, all das Wissen einzusetzen, das man gesammelt hat in all den Jahren in der Werbung?

Ja schon, aber anders müsste es sein, nicht more of the same. Wenn, dann ein eigener, neuer Weg – das war das Ergebnis, das in der Auszeit reifte. Und diesen Weg geht Oliver Voss heute: Wichtig ist ihm, dass es kein Trampelpfad ist und anders als das, was Jung von Matt ihm bieten konnte. In der gerade einmal drei Jahre jungen Agentur herrscht Aufbruchstimmung. Es ist die Suche nach neuen, unkonventionellen Lösungen und die Kraft eines jungen, starken Teams. Lächelnd zitiert Voss den Apple-Gründer Steve Jobs: „The heaviness of being successful was replaced by the lightness of being a beginner again.“

„The heaviness of being successful was replaced by the lightness of being a beginner again.“

Wenn es bisher nur die neuen Ideen für erfolgreiche Kampagnen waren, die seinen Ruf als internationaler Top-Kreativer geformt haben, dann sind es heute auch die Ideen zu der Art wie eine Firma aufgestellt ist, die seinen Erfolg ausmachen. „Die Verwissenschaftlichung der Werbung in den letzten Jahren hat zu ihrer Verlangweilung geführt“, sagt Voss. „Das zeigt sich bei den Präsentationen: Oft sind es 100 Seiten Powerpoint-Charts und dann drei Charts mit Ideen. Das ist für viele Kunden ein unbefriedigendes Verhältnis – zumal die meisten sehr gut darüber Bescheid wissen, wo ihre Marke steht und dazu keine Vorträge hören wollen. Wir zeigen lieber viele Ideen zur Lösung eines Problems und wählen dann mit unseren Kunden aus und arbeiten gemeinsam weiter – und das zahlt sich für alle aus.“

Und es ist nicht das Einzige, was anders läuft: „Wir haben von Anfang an viel direkter mit unseren Auftraggebern zusammengearbeitet“, fährt Voss fort. „Es gibt nicht die langen Schleifen durch die Beratung, bei denen viele Informationen und wertvolle Zwischentöne verlorengehen. Unsere Kreativen sprechen selbst mit den Kunden – was die Arbeit viel freudvoller und effektiver macht und zu besseren Ergebnissen führt.“

NEUSTART MIT WELT AM SONNTAG

Mit dieser Freude machenden Leichtigkeit ist Voss gestartet – mit seinem ersten Kunden WELT am SONNTAG. Das war schon gleich eine etwas andere Werbung. „Ein besonderer Tag verdient eine besondere Zeitung“, so hieß der Claim, der aus der Feder des Meisterstücks geflossen war. Denn es ist dieser Füllhalter, mit dem Voss seine Gedanken zu Papier bringt. Voss und seine Arbeit sind ohne die weich geschwungene Schrift in Königsblau nicht zu denken. So hat er auch seine Website geschrieben, klar und schnörkellos, mit der Hand.

Voss

Gab es für diese erste Arbeit schon den LeadAward und einen ADC Nagel, sollte der nächste Clou aus dem Hause Voss weltweit für Aufsehen sorgen. Schwer zu sagen, wie er es hingekriegt hat, aber er verkaufte den Behörden der Stadt Hamburg ein temporäres Kunstwerk. Auf dem Heiligtum der Stadt, der Binnenalster, wurde eine zehn Meter lange Skulptur, „die Badende“, installiert, gesponsert von der Kosmetikmarke Soap & Glory. Fotos dieser im Wasser schwimmenden Marilyn Monroe gingen um den Globus, die Aktion wurde prompt und vielfach als B2B-Maßnahme prämiiert.

„Eine Idee“, so Voss, „mit der die Agentur der Stadt Hamburg, Soap & Glory und sich selbst ein Denkmal setzte, das weit über unsere Branche hinaus Bekanntheit erlangt hat.“

Voss

Damit und mit den nun folgenden Arbeiten wurde Oliver Voss als Agentur weithin sichtbar. Für Sixt erschienen erste Print- und Flughafen-Kampagnen, genau in dem Stil, den Voss bei JvM über Jahre mitgeprägt hat. Über die Anzeigen berichtete auch die Presse – das war PR und kostenlose Mediapower, über die sich ein Kunde wie Sixt ganz besonders freut.

Für Nike erdachten die Kreativen der Agentur eine Kampagne mit der Frauenfußballspielerin Lira Bajramaj: Diese schuf eine Community rund um die Sportlerin und wurde dafür mit dem Publikumspreis beim Spotlight-Festival ausgezeichnet und bei „DIE KLAPPE“ zu einem der 10 besten Werbespots im Jahr 2012 gekürt.

Voss

An der dann folgenden Kampagne für das Magazin Rolling Stone arbeiteten vier Illustratoren ein ganzes Jahr – und wurden dafür mit Preisen vom ADC über den LeadAward bis zum Jahr der Werbung belohnt.

Zuletzt die sehr bunte und vielkanalige Kampagne für DIE WELT (s. Buch S. 82ff.). Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer sagt darüber: „Die WELT-Kampagne ist genauso frech, innovativ und mit ästhetischen Widerhaken ausgestattet, wie gute Werbung das sein sollte.“ Und er fügt hinzu: „Oliver Voss war schon bei Jung von Matt gut. Seit er alleine ist, ist er noch besser.“ Und so wurde Voss’ Mannschaft zur Agentur bei Axel Springer rund um die Marken DIE WELT und WELT am SONNTAG.

Es sind Kampagnen, die in ihrer Unterschiedlichkeit eines verbindet: Sie sind neu, sie fallen auf und wirken. „Wir greifen nicht auf Muster zurück“, sagt Voss, „sondern widmen uns jeder Aufgabe neu und fragen uns, was diesmal die richtige und schlaueste Lösung wäre, die Erfolg bringt, gut in unsere Zeit passt und zudem so ikonografisch ist, dass sie auch nach langer Zeit noch Gültigkeit hat und eine Kampagne über Jahre trägt.“

DIESE AGENTUR IST BEREITS ALS NEWCOMER EINE GRÖSSE IM MARKT 

Inzwischen ist Oliver Voss mehr als Oliver Voss: Da ist Till Monshausen, seit dem Start dabei und zweiter Creative Director der Agentur. Da ist Christina Haas, die Voss aus seinen ersten Jahren bei Jung von Matt kennt, im Kontakt. Da sind Victoria, Jan und Christian im Atelier, da ist Becky von Xylander, die sich um die Zahlen kümmert, und Saskia Winter, die einspringt, wenn strategische Aufgaben für die Kunden zu lösen sind. Und da ist Fabian Frese, auch ein alter Weggefährte, den Voss einst zu JvM holte, der dort zum Geschäftsführer aufstieg, dann ausstieg und der jetzt bei Oliver Voss an ausgewählten Kreativprojekten und medienübergreifenden Ideen mitarbeitet.

„Oliver Voss war schon bei Jung von Matt gut. Seit er alleine ist, ist er noch besser.“ (Mathias Döpfner)

Die Agentur sitzt im angesagten Hamburger Szene- und Kreativenviertel, der Schanze. Doch trotz der wachsenden Agentur trifft man Voss auch noch in der Miami Ad School in Hamburg und Berlin, die er auch weiterhin gemeinsam mit Niklas Frings-Rupp leitet und die ihm mit ihren Studenten aus über 30 Nationen eine „wichtige Inspirationsquelle“ ist. Dort, wo täglich hunderte Ideen von den Schülern, der nächsten Generation von Werbern, ausgebrütet werden, entsteht auch manche Idee für die Kunden der Agentur.

Man freut sich mit dem Team von Oliver Voss über all den Input und ist gespannt auf den Output und die erfrischenden Ideen und neuen Kampagnen, mit denen diese Agentur die Werbewelt immer wieder überraschen wird.

(Veröffentlicht in Das Jahr der Werbung 2013, Band 50, erschienen im Econ Verlag)

Übergabe der Auszeichnung am 1. Februar 2013 (Vimeo)

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